Einkauf, Materialwirtschaft, Engineering

21. Juli 2021

Transparenz in der Prozesskette – Total Supplier Management (TSM)
Potenziale zur Risikominimierung & Prozesskostensenkung

Prof. Dr.-Ing. Robert Dust, International Technology Transfer Management, bbw Hochschule

…nichts konnte schmerzhafter sein als die vergangenen Monate – eine Krise, in der Lieferketten brachen, die Versorgung gefährdet war und Insolvenzen ihren Anfang nahmen. Manch ein Einkäufer hätte gerne einen Blick in die Glaskugel gehabt, um einen realistischen Überblick über seine Lieferanten-Abnehmer-Situation zu erhalten. In diesem Fall heißt die Glaskugel TSM: ein workflowbasiertes Kooperationsmodell für die standardisierte, bereichsübergreifende und prozesskostenoptimierte Gestaltung und Steuerung des gesamten Partnernetzwerks. Ziel von TSM ist es, die Lieferanten-Abnehmer-Beziehung zu jedem Zeitpunkt koordiniert steuern zu können, die Versorgungsicherheit zu maximieren und für eine frühzeitige Identifikation und gemeinsame Vermeidung von Risiken zu sorgen. Die Synergieeffekte führen zur Optimierung der eigenen Schnittstellen, einer „Plug & Play“-Fähigkeit zur Anbindung der Lieferanten und der Vermeidung von Fehlerfolgekosten. Dadurch können interne Verbesserungsmaßnahmen initiiert werden, um den Herausforderungen der Digitalisierung besser begegnen zu können.

Herausforderung ERP-Einführung – und die Neugestaltung der Prozesslandschaft
Agiles Projektmanagement bei der SAP S4/Hana-Implementierung
Ivo Richter, Experte für Wertstrom und Prozessgestaltung, Heidelberger Druckmaschinen AG

Wir kennen ihn alle, den Spruch von den „shit“ Prozessen – und sind spätestens dann damit konfron­tiert, wenn wir unsere ERP-Systeme neu aufsetzen, digital veredeln oder mit anderen Systemen in­teragieren lassen wollen. Kaum jemand befindet sich in der exklusiven Lage, sein Projekt auf dem Greenfield gestalten zu können…
Zudem stoßen wachsender Ressourcenbedarf und jahrelange Laufzeiten vermehrt auf Unver­ständ­nis. Dabei gibt es gute Gründe, weshalb IT-Projekte komplexer werden: Wachsende Tiefe der erfass­ten Daten, höherer Vernetzungs­grad, komplexere Produkte und steigende Prozessvarianz.
Die Heidelberger Druckmaschinen AG hat den Systemwechsel bewusst als agiles Projekt organisiert, in dem die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen IT, Fachbereichen und Beratern gestärkt und der Arbeitsfortschritt jederzeit transparent ist. In diesem Setup lassen sich die vielen klei­nen und gro­ßen Probleme, die aus unklaren Prozessen oder widersprüchlichen Implementierungen in Altsys­temen resultieren, schnell lösen und so Qualität und Umsetzungsgeschwindigkeit steigern. Last but not least: Das Projekt arbeitet 100 % virtuell!
Ivo Richter hat das Projekt als agiler Coach begleitet und berichtet von den Erfolgsfaktoren und Schwierigkeiten. In einem Ausblick geht er darauf ein, was wir bei der Ge­staltung unseres Business und der Prozesse beachten müssen, um zukünftig IT-Systemwechsel in ih­rer Komplexität handhabba­rer zu machen.

Der Einkauf als Grundpfeiler der Prozesskette: störungsfreier Materialfluss & Planungssicherheit
Alexander Bentele, Leiter Produktionsplanung, Liebherr Verzahntechnik GmbH und
Dipl.-Math. Markus Günther, Produktmanager, Inform GmbH

Fehlteile sind ein wechselseitiges Drama zwischen Einkauf und Produktion – nichts stört die Prozesskette mehr als Lieferverzüge und der daraus resultierende Mehraufwand, ganz abgesehen von möglichen Vertragsstrafen und Pönalen.
Wenn man dazu im Sondermaschinenbau tätig ist und kundenspezifischen Anforderungen Rechnung tragen will, deren eigene Entwicklung zum Zeitpunkt der Auftragserteilung noch längst nicht abgeschlossen ist, helfen die anonymen Priorisierungen aus ERP-Systemen nicht weiter.

Bei Liebherr hat man sich für eine dynamische Bedarfsplanung entschieden, deren große Profiteure die Beschaffung für die Eigenfertigung und der Einkauf sind: Realistische Termine werden gegen die begrenzten Kapazitäten gespiegelt, Fehlteile in einem Auftragsnetz visualisiert, gekennzeichnet und über Nacht den jeweiligen Einkäufern mit entsprechenden Kommentaren zur Verfügung stellt: Der Benefit sind Echtzeitanalysen, auftragsbezogene Eskalationen und eine Reduzierung der fehlteilbedingten Stillstände, ganz abgesehen von der Aufwandsreduzierung auf beiden Seiten der Schnittstelle.

Business Intelligence für mehr Transparenz im Beschaffungsprozess
Jürgen Pfeffer, Director Global Procurement, Bauer Gear Motor

Pfeffer_Jürgen

Beschaffungsprozesse werden immer komplexer und dynamischer; die klassischen, dem ERP-System entspringenden Auswertungen sind zu standardisiert und halten dieser Entwicklung kaum stand. Hinzu kommt die extreme Volatilität auf den Beschaffungsmärkten. Und eine sogenannte „all in one“-Lösung ist in vielen Fällen mehr Wunschkonzert denn Realität. Die Frage lautet: Wie erschließt man sich zusätzliche Datenquellen und kommt zu mehr Transparenz?
Bei Bauer Gear Motor hat man sich für ein professionelles Business Intelligence Werkzeug entschieden und setzt dieses übergreifend sowohl für strategische als auch operative Analysen ein. Das Spektrum reicht von Spenddaten, Lieferzeitanalysen und Engpass-Materialien bis hin zu Qualtätskennzahlen. Die Abfragen können jederzeit und individuell um neue Dimensionen erweitert und kombiniert werden, ohne dass die Programmierung des Standards angetastet werden muss. Dashboards inklusive.

Groger, Chris, Carl Zeiss

3D-Druck – vom Hype zur Realität

Chris Groger, Senior Manager Supply Chain Management, Carl Zeiss SMT GmbH

Die additive Fertigung galt als eine der Zukunftstechnologien unserer Zeit und stand in den letzten Jahren immer an der Spitze dieses Hypes der industriellen Anwendungen – aber es ist still geworden um diese aufstrebende Technologie. Ist es nach wie vor Unwissen oder der nächste Entwicklungsschritt bereits vollzogen, sprich die Etablierung in die eigene Fertigung bzw. Beschaffung?

Chris Groger verfügt über fundierte Erfahrungen über die Nutzung additiver Fertigungsverfahren in Kunststoff und Metall. In seinem Vortrag spricht er über die fast unbegrenzten Möglichkeiten des 3D-Drucks, Kostenanalysen und notwendige Druckstrategien als auch die Grenzen dieser Anwendung:  Was technisch möglich ist, ist nicht unbedingt bezahlbar. Oder umgekehrt – enorme Einsparpotenziale im Rahmen von Wertanalyseprojekten, bei Neuentwicklungen oder im Ersatzteilbereich. Last but not least: der Umgang mit der Fertigungsprüfung als Voraussetzung für den Einsatz additiv gefertigter Teile oder Komponenten.

Nachhaltigkeit – die größte Herausforderung unserer Zeit
Christian Böhler, Partner, Roland Berger

Christian Boehler

Die Coronakrise hat die Verwundbarkeit der Lieferketten offengelegt und schärft im zunehmenden Maße den Blick auf deren Nachhaltigkeit. Bis zu 90% der Umweltauswirkungen eines Unternehmens haben ihren Ursprung in der Wertschöpfungskette. Was tun?
Christian Böhler gibt einen Überblick über Nachhaltigkeitskriterien und Anwendungsfälle in der Praxis. Der Fokus liegt dabei auf den beschaffungsrelevanten Kriterien wie CO2-Footprint in der Lieferkette und Steuerung der Zuliefererlandschaft zur Erreichung der unternehmenseigenen Nachhaltigkeitsziele. Herr Böhler zeigt dabei auf, wie Nachhaltigkeit im Einkauf nicht nur als Bürde und Kostenfaktor sondern als Differenzierungsmerkmal gesehen werden kann.

Das Lieferkettengesetz – und dessen Umsetzung im Risikomanagement
Simon Jähnig, Integrity Next und Rechtsanwalt Dr. Andreas Thürauf

Das Lieferkettengesetz schwebt wie ein Damoklesschwert über den Unternehmen. Aber ist es das wirklich? Kein Mensch kann guten Gewissens die dahinter liegenden Bestrebungen leugnen, wenngleich es erhebliche Anforderungen an die Organisationen stellt: das bestehende Risiko- und Lieferantenmanagement muss um neue Dimensionen erweitert, die Lieferketten ganzheitlich betrachtet werden. Hinzu kommt der Blick auf mögliche menschenrechtliche Verfehlungen, die zu wirtschaftlichen Verwerfungen führen. Das Sourcing in Low-Cost-Countries bekommt eine neue Qualität; ggf. müssen bestehende Lieferbeziehungen infrage gestellt und ausgetauscht werden, wenn die Ziele auf der Verhandlungsebene nicht erreicht werden können. Last but not least: Auch wenn Sie aufgrund der Mitarbeiterzahl noch nicht betroffen sind, fordern viele Kunden unabhängig davon bereits eine entsprechende Erklärung.
Simon Jähnig und Rechtsanwalt Dr. Andreas Thürauf klären auf, welche Anforderungen und rechtlichen Implikationen auf Unternehmen zukommen und zeigen, wie die Umsetzung mithilfe von moderner Technologie gelingen kann.