Einkauf, Materialwirtschaft, Engineering

07. Oktober 2020

Transparenz in der Prozesskette – Total Supplier Management (TSM)
Potenziale zur Risikominimierung & Prozesskostensenkung

Prof. Dr.-Ing. Robert Dust, International Technology Transfer Management, bbw Hochschule

…nichts konnte schmerzhafter sein als die vergangenen Monate – eine Krise, in der Lieferketten brachen, die Versorgung gefährdet war und Insolvenzen ihren Anfang nahmen. Manch ein Einkäufer hätte gerne einen Blick in die Glaskugel gehabt, um einen realistischen Überblick über seine Lieferanten-Abnehmer-Situation zu erhalten. In diesem Fall heißt die Glaskugel TSM: ein workflowbasiertes Kooperationsmodell für die standardisierte, bereichsübergreifende und prozesskostenoptimierte Gestaltung und Steuerung des gesamten Partnernetzwerks. Ziel von TSM ist es, die Lieferanten-Abnehmer-Beziehung zu jedem Zeitpunkt koordiniert steuern zu können, die Versorgungsicherheit zu maximieren und für eine frühzeitige Identifikation und gemeinsame Vermeidung von Risiken zu sorgen. Die Synergieeffekte führen zur Optimierung der eigenen Schnittstellen, einer „Plug & Play“-Fähigkeit zur Anbindung der Lieferanten und der Vermeidung von Fehlerfolgekosten. Dadurch können interne Verbesserungsmaßnahmen initiiert werden, um den Herausforderungen der Digitalisierung besser begegnen zu können.

Der Einkauf als Grundpfeiler der Prozesskette: störungsfreier Materialfluss & Planungssicherheit
Alexander Bentele, Leiter Produktionsplanung, Liebherr Verzahntechnik GmbH und
Dipl.-Math. Markus Günther, Produktmanager, Inform GmbH

Fehlteile sind ein wechselseitiges Drama zwischen Einkauf und Produktion – nichts stört die Prozesskette mehr als Lieferverzüge und der daraus resultierende Mehraufwand, ganz abgesehen von möglichen Vertragsstrafen und Pönalen.
Wenn man dazu im Sondermaschinenbau tätig ist und kundenspezifischen Anforderungen Rechnung tragen will, deren eigene Entwicklung zum Zeitpunkt der Auftragserteilung noch längst nicht abgeschlossen ist, helfen die anonymen Priorisierungen aus ERP-Systemen nicht weiter.

Bei Liebherr hat man sich für eine dynamische Bedarfsplanung entschieden, deren große Profiteure die Beschaffung für die Eigenfertigung und der Einkauf sind: Realistische Termine werden gegen die begrenzten Kapazitäten gespiegelt, Fehlteile in einem Auftragsnetz visualisiert, gekennzeichnet und über Nacht den jeweiligen Einkäufern mit entsprechenden Kommentaren zur Verfügung stellt: Der Benefit sind Echtzeitanalysen, auftragsbezogene Eskalationen und eine Reduzierung der fehlteilbedingten Stillstände, ganz abgesehen von der Aufwandsreduzierung auf beiden Seiten der Schnittstelle.

Risikomanagement im Ausnahmezustand – ein Erfahrungsbericht
Ernst Kranert, Bereichsleitung Einkauf, Wolf GmbH

Hauptlieferanten im Corona-Epizentrum in Nord-Italien und das umsatzstärkste Quartalsergebnis seit Jahren – wie ist das möglich? Und wie bekommt man das voreinander?
Keine Frage, es war eine Herausforderung, angefangen mit den länderspezifischen Bestimmungen, Grenzbarrieren und einer verworrenen Nachrichtenlage, Sondertransporten, sich leerenden Versorgungsketten und einer permanenten Umdisposition der eigenen Produktion. Dazu eine überproportional große Nachfrage, da der Heizungsgroßhandel „gehamstert“ hat und Wettbewerber ihre Produktion runtergefahren oder gar geschlossen hatten.

Dreh- und Angelpunkt war ein belastbares Risiko-Management, das schon manche Feuerprobe überstanden hatte und schneller ist als jedes Realtime-System. Basierend auf seinem Vortrag von 2018 berichtet Ernst Kranert über seine aktuellen Erfahrungen: Mut zu entschlossenem Handeln, technische Alternativen, Eruierung von Second und Third Tier, den dazugehörigen Logistikwegen und dem Entdecken neuer Potenziale. Sein Credo: „Einkauf ist nicht das Beschaffen von Material sondern das permanente Managen der Risiken“ – und damit ist er mehr als gut durch diese Krise gekommen…

KI im Einkauf – Beschaffungsmarktanalysen und Teilescouting
Angelika Bittner, Einkauf, Gruppenleitung Analytik & Prozesse, SEW Eurodrive GmbH & Co. KG und
Chris Kaiser, scoutbee GmbH

Die letzten Monate haben den Einkauf auf eine harte Belastungsprobe gestellt. Wem die Lieferkette riss und nicht auf eine Second Source zurückgreifen konnte, hatte ein massives Problem. Bei SEW-EURODRIVE ist man aufgrund des seit Jahren gelebten, ganzheitlichen Ansatzes Procurement 360° vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Hierzu zählt u.a. die bereichsübergreifende Steuerung der Lieferantenbasis in sogenannten Supplier Steering Committees. Risiken werden gemeinsam mit der Qualitätsabteilung, Entwicklung und Logistik präventiv betrachtet, um rechtzeitig durch geeignete Maßnahmen entgegenzuwirken. Ein Novum ist eine KI-basierte Sourcing Plattform, die es erlaubt binnen kürzester Zeit die weltweit am besten geeigneten (Alternativ-)Lieferanten zu finden – auf Basis von 9 Mio. Lieferantenprofilen und 4 Mrd. Datensätzen. Binnen 48 Stunden steht bereits eine vorqualifizierte Longlist, die nach Bewertung zu einer Short List in einen Vergabeprozess überführt wird: 75 % weniger Zeit, 90 % weniger Aufwand und quasi ad hoc belastbare Ergebnisse.

Angelika Bittner gibt Einblick in die Digital-Roadmap „Procurement 360°
– Vision 2025“ und den digitalen Prototypen zur KI-gestützten
Lieferantensuche.

Non-Linear-Performance-Pricing: Preisreduzierungen durchsetzen
Torsten Nowak, Vice President Purchasing & Supplier Management, Cost and Value Analysis, Schaeffler Technologies AG & Co. KG

Die Corona-Krise hat die Karten vielfach neu gemischt: Materialverknappungen und Versorgungsengpässe sorgen für ein ganz neues Preisgefüge und Zulieferer nutzen die Situation vermehrt für Preiserhöhungen. Ungeachtet dessen sagt Ihnen Ihre Erfahrung, dass etwas nicht stimmen kann, wenn Sie ähnliche Varianten von Materialien, Teilen oder Baugruppen vergleichen, womöglich aus verschiedenen Regionen. Eine Herstellkosten-Analyse ist häufig zu aufwendig und nicht machbar. Ein mühsamer Angebotsvergleich beginnt und endet zumeist mit einem Kompromiss, weil die Ressourcen begrenzt sind.

Wer hier in die Verhandlung geht, sollte bestmöglich vorbereitet sein: Non-Linear-Performance-Pricing (NLPP) oder auch Regressionsanalyse ist ein Ansatz zur Preiseinschätzung von einzelnen Materialien einer Materialgruppe. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig – als erster Schritt bietet sich die retroperspektive Überprüfung von Bestandsdaten als Grundlage für Preisreduzierungen oder wertanalytische Projekte an. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist die Identifikation der „richtigen“ – oder neuen? – Wertetreiber.

Torsten Nowak präsentiert Ihnen anhand von Beispielen Möglichkeiten und Grenzen dieses Systems, aber vor allem seine Erfolge!

Cost- & Value Engineering in Einkauf & Entwicklung
Frank Hartmann, Leiter Einkaufskostenanalyse und
Thorsten Herrmann, Leiter entwicklungsbegleitende Kostenanalyse, Vaillant Gruppe

Bereits in der frühen Phase eines Entwicklungsprozesses werden 80 % der Produktkosten festgelegt. Unabdingbar, dass der Einkauf vom ersten Augenblick an Board ist, damit aus der Neuentwicklung ab der ersten Stunde kein Re-Engineering-Projekt wird.

Bei Vaillant hat das Kostenmanagements eine lange Historie: Zielkosten, Value Engineering, Kalkulationsmodelle und die Integration von Lieferanten in den Entwicklungsprozess. Doch auch dieser Prozess unterliegt einem Wandel: Wie lassen sich weiterhin signifikante Einsparungen erzielen? Welchen Ideen gehen wir nach? Und wie konservieren wir unser Wissen, werden wir digital? Die Referenten geben Einblick in das ursprüngliche Spannungsfeld zwischen Einkauf und Entwicklung und liefern Antworten für die zukünftige Weiterentwicklung.